28.11.2009 /// Skatepark Teil I

Richtig ausschlafen können wir trotz der Strapazen des Vortages trotzdem nicht. Das heißt, müde sind wir schon, nur haben wir keine Zeit zum schlafen. Laut Rafael soll es zeitig zum Skatepark gehen um einen längeren Soundcheck machen zu können. Wir sind also gegen 12 Uhr mehr oder minder abfahrbereit, doch – wer hätte es anders gedacht – Bato ist nicht am Start. Rafael war bereits im Skatepark. Wir pimmeln also so in den Tag hinein und sind uns einig, dass Bato auch besser ausschlafen sollte. Das erhöht schließlich die Chancen, den richtigen Weg hin un/oder zurück zu finden. Hoffen wir zumindest. Rafael hatte wärenddessen im Skatepark einen Amischlitten organisiert hatte der plötzlich hupend vorm Studio erschien. Soup, David und Damian stiegen ein, denn ausser dem Fahrer waren noch 2 Begleiter geschickt worden, wie nett, ohne sie hätten wir alle reingepasst, plus Backline. So verteilten wir die Backline auf die RIESEN Karre und Batos Auto…der war mittlerweile auch aufgewacht. Lustig war auch, dass wir nachher von Soup erfahren haben, dass Bato Rafael immer schon erzählt hat, immer wenn er ankommt schlafen die Deutschen, deswegen sind wir immer so spät. Natürlich wussten alle dass dies nicht so war…inklusive den Brasilianern.

Der Skatepark liegt tropisch gelassen vor uns als wir ankommen. Nur wenige Menschen sind da, es wird in aller Ruhe aufgebaut und schon mal auf der Gitarre geklimpert. Rafael scheint das Festival einfach ein paar Stunden nach hinten geschoben zu haben. Wir fragen Soup was denn hier los ist.  „Hier geht gar nichts, ha ha!“ schallt es uns entgegen, während er mit dem Kopf auf der Merchtasche im Backstagebereich auf der Bühne liegt.

Die erste Band spielt dann irgendwann, Punkrock, der ziemlich melodisch ist. Es ist bestimmt schon nach vier Uhr. Den Namen habe ich – ganz der Asi-Punkrock-Touri – natürlich vergessen. Wir bezweifeln, dass die prognostizierten 4000 Besucher zum Skatepark kommen. Hin und wieder schlendern ein paar Besuchergruppen ein, aber der große Ansturm bleibt aus. Wir hängen im Backstagebereich rum, quatschen mit den Bands und denen, die beim Aufbau helfen und lassen uns vom Sicherheitsdienst das Bier auskippen. Bier ist nämlich auf dem ganzen Gelände verboten. Na dann prost! Unsere brasiliansichen Freunde kümmert das bis auf Rafael nur wenig. Spannend, wie sie versuchen, das Bier vor den Sicherheitsleuten zu verstecken. Nach der zweiten Runde Bierauskippen geben aber selbst die besonders hartnäckigen anwesenden brasilianischen Damen den Versuch auf, zu einem verdienten Schluck Alkohol zu kommen. Nur Samuel und Soup schaffen es in guter deutscher Manier eines 14jährigen Schülers mehrere Dosen Bier entweder hinter dem fremden Tourbus uder mit einem verschwitzten Handtuch umhüllt zu geniessen, das Lustige war nämlich dass am Eingang niemand die Rucksäcke kontrollierte…naja Brazi Style.

Das Festival ist mittlerweile in vollem Gange. Wir kriegen eine ziemlich homogene Mischung geboten: Neben No Lie und vielleicht einer, bestenfalls zwei Ausnahmen spielen die anwesenden Bands stark poppigen Punkrock/Rock. Subway, die uns schon aus Florianapolis bekannte Truppe, die in Jundiai nicht mehr auftreten konnte, kommt heute zu ihrem Recht. Sie sind an diesem Tag eine der besten Bands, das kann man nicht anders sagen. Gutes Songwriting, positives Auftreten und gekonnter Umgang mit dem Publikum. Genau so macht man das. Auf Ähnliches zielt offenbar auch der Manager einer Poppunktruppe und vergleicht seine Jungs anscheinend mit Subway. Er entschließt sich kurzerhand, dass seine Band einen Regisseur bracht. Jetzt. Und auf genau dieser Bühne. Uns bietet sich ein mehr als groteskes Schauspiel: Der Wahnsinnige springt im Bühnengraben umher, fuchtelt wie bescheuert mit den Armen in der Luft und brüllt seinen Schützlingen Anweisungen entgegen. Wink dem Publikum – es wird dem Publikum gewunken. Dreh deine Kappe nach hinten – er dreht die Kappe nach hinten. Hüpf du kleines Hündchen – das kleine Hündchen hüpft. Schnell, komm nach vorne zur Bühne! Okay, okay… NEIN! Nicht so nah! Du fällst sonst von der Bühne! Hmm, ich geh wohl besser zurück… SO IST`S BRAV! Los, jetzt zeigt Euer Gebiss – sie zeigen… Ihr könnt es Euch denken. Stephanie, eine gute Freundin von Rafael und mittlerweile auch von uns, versucht die Situation zu entschärfen. Sie geht hin und bittet ihn, mit dem Blödsinn aufzuhören. Warum ist das überhaupt nötig? „Oh, meine Jungs haben heute ihren ersten Gig, ich muss aufpassen, dass sie nicht von der Bühne fallen!“ Ähm. Ja. Wir fassen zusammen: Ein offenbar völlig Verrückter hat grade einer handvoll Jungs ihre erste Show ruiniert und ihre 16jährigen pop-punker-oder-was-auch-immer-Seelen zerfetzt. Ich kriege mich so ungefähr 50 Minuten überhaupt nicht mehr ein. Danach wandelt sich der Schock zu purem Amüsement. Gleichzeitig mein Tiefpunkt und mein Highlight des Tages. Skurril, einfach nur skurril. Zumindest für uns. Erfreulicherweise gab es heute auch wieder ein Fernsehinterview für die örtliche TV Station.

Die Spielstunde für LFT rückt näher und es wird hektisch. Soup und ich klatschen den Banner an die Mauer, der hängt natürlich schief, aber egal. Soup und Rafael werfen Cds in die Menge. Auch T-Shirts, die gleich völlig zerfetzt sind weil sie im Handgemenge enden. Und na klar, den ganzen Tag war es trocken, jetzt melden sich die ersten Regenschauer an. War ja klar, aber drauf geschissen, we say in Germany. Endlich werden die Gitarren eingestöpselt, und „Blickes Fang“ eröffnet das Set. Die Szenerie hat sich völlig gewandelt: Überall sind plötzlich Menschen, die Poppunker haben offenbar einiges an Leuten gezogen. Oder die Brasilianer sind endlich mit ihren Jobs fertig (hier arbeitet man auch Samstags, oder?!?) und bereit für Live-Musik. Doch es kam uns tatsächlich so vor, dass die Leute wegen uns hier waren. Der Willkommensgruß der Menge ist beeindruckend. Es wird gebrüllt, geklatscht, gemosht. Damian springt von der Bühne in die Menge. In Germany we say ‘stagediven‘. In Brazil they say ‘mosh‘ Es gibt eine Pyramide aus Menschen, die vor der Bühne gebaut wird. Punkrock-Artisten, sind sie, die Anwesenden. Mit einigen ging allerdings auch das Temperament durch. So kam es im Moshpit zu einer Schlägerei, die ganz schnell in ein großes Gewusel ausartete. Zudem war das ganze Skatepark Gelände polizeiüberwacht, so dass innerhalb kürzester Zeit 4-5 Polisten im Moshpit waren und mit Schlagstöcken auf die Leute einprügelten. Soup stand zu diesem Zeitpunkt auf einer Terasse mit Cam…das heißt diese Szene gibt es auch auf VIDEO!!! Es war echt krass. Die Band überlegte kurz das Set zu unterbrechen, aber bevor das passieren konnte hatte sich die Schlägerei samt Polizisten schon Richtung Eingang verlagert und die Show konnte weiter gehen…wenn auch vor ein paar weniger Leuten.LFT und das Publikum feiern sich durch das Set, und der Zuspruch auf beiden Seiten bleibt bis zum Schluss bestehen. Dankbar nehmen die Kids David, der bei „Elaine“ wie üblich geworden nur das Mikrophon bearbeitet, in Empfang. Völlig geschwitzt stolpern alle nach einer extrem geilen Show von der Bühne, glücklich etwas bekommen zu haben, was einem offenbar nur Brasilien bieten kann.

Im Anschluss geht es mit dem Reigen aus Poppunk & Co weiter, ich meine mich zu erinnern, dass noch zwei Bands nach LFT spielen.

Wir genießen hier so herzlich und von so vielen Menschen aufgenommen worden zu sein, nicht nur an diesem Tag, sondern auf der ganzen Tour. Ich bilde mir ein, dass die ersten von uns schon ein bisschen wehmütig werden bei dem Gedanken, bald nach Hause in die Kälte zu müssen, auch wenn dort unsere Lieben auf uns warten. Die Lieben jetzt nach Sao Paulo holen, das wäre es! Wir kriegen uns dann aber doch schnell wieder ein, schließlich verlangt die Menge nach Samuel, Damian und David. Die drei Herren Rockstars kommen gar nicht mehr raus aus dem Autogramme geben und Fotos-mit-sich-machen-lassen. Nach viel Spaß im Backstage-Bereich, entspannten Gesprächen und Festival-Party-Feeling geht`s am späten Abend dann zurück in Bato`s Haus, und wenn ich mich nicht täusche fahren wir wieder mal Habib`s an um was zum beißen zu haben. Bei Bato chillen wir noch, quatschen und feiern so in die Nacht hinein, bis ich endgültig vom Stuhl kippe und seelig ins Traumland hinüber gleite. Geil war`s, dieser Tag.

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